K. Hand aka Kelli Hand … Detroits Hoffnung

2. September 2012 by tritonberlin

K. Hand

Detroits Hoffnung

 

Den Weg vom Foyer zum hoteleigenen Biergarten könnte Kelli Hand mittlerweile fast blind laufen. Die charmante Kellnerin begrüßt uns daher auch nur mit einem nickenden Lächeln, als wir uns mit der 36jährigen Produzentin, DJane und Labelbesitzerin aus Detroit zum letzten Promo-Termin des Tages zusammensetzen, um über ihr neues Album und Detroits neues Selbstbewusstsein zu reden. Kurz vor Sonnenuntergang beginnt die sympathische Detroiterin, uns über ihr jüngstes Projekt aufzuklären: „Ich promote zwar Detroit, aber nicht die Produzenten oder Künstler, sondern Detroit als Ganzes. Das neue Album repräsentiert auch nicht nur mich, sondern beinhaltet den Stil dieser Musik. Es stellt so etwas wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Detroit und seiner Technoszene dar.“

Einen solch groovenden Geschichtsunterricht hat man selten gehört.

 

„Jeder hat seine eigene Auffassung über Detroit“, fährt Kelli Hand fort, „und jeder hat sein eigenes persönliches Problem mit Detroit.“ Auch Kelli. Als sie 1995 Detroit verließ, wollte sie einfach nur mal außerhalb ihrer gewohnten Umgebung leben. Vielleicht war Atlanta auch ein wenig sicherer als Detroit. Sie betrieb dort weiterhin ihr 1990 gegründetes Label Acacia und brachte die ersten Aufnahmen der Wamdue Kids heraus. Doch sie vermisste Detroit und kehrte zwei Jahre später dahin zurück, um für ihre Stadt Geschichte zu schreiben.

Das Konzept ihres neuen Albums ‚Detroit History Pt. 1’ ist ihre Auffassung von Detroit. Ganz problemlos präsentiert sie mit einer für sie typischen Mischung aus Soul, Jazz und pumpendem Techno ihre Sicht auf das wohl einflussreichste Event der Detroiter Techno-Szene im letzten Jahr, dem ‚Detroit Electronic Music Festival’.

 

Für die Veranstalter des „Detroit Electronic Music Festival’ hätte das Timing nicht besser sein können. Eigentlich gedenkt man in den USA am letzten Maiwochenende, dem sogenannten ‚Memorial Weekend’, eher der lieben Verbliebenen und besucht weniger basslastige Orte, wie den Friedhof. Doch vielleicht sollte gerade dann der oft totgesagten Detroiter Techno-Szene gedacht werden. Der Erfolg war beachtlich: Mehr als 1,5 Millionen Menschen tummelten sich letztes Jahr an drei Tagen an der Hart Plaza in Detroit und schauten, was die elektronische Musik-Szene der Stadt zu bieten hatte. Eine Aufmerksamkeit, auf die die Detroiter Techno-Szene 15 Jahre lang gewartet hat.

Fast ebenso lange musste K. Hand auf ihre Chance warten, endlich die erhoffte Anerkennung zu bekommen. Obwohl sie beachtliche Erfolge nicht nur in Europa aufweisen kann, ist dem gebürtigen Detroiter Stadtkind der Respekt der Heimatstadt sehr wichtig: „Die Hauptsache ist doch, dass man die Musik da spielt, wo die Künstler herkommen, anstatt jedes Wochenende ausfliegen zu müssen, um woanders Anerkennung zu bekommen. Es geht um Anerkennung in deiner eigenen Stadt.“ Die scheint Detroits Techno-Szene bekommen zu haben, denn die Reaktionen auf das Festival waren in der amerikanischen Presse mehr als positiv und ein Carl Craig, Künstlerischer Direktor des Festivals, erfreute sich an dem großen Interesse, dass man ihm in zahlreichen Interviews entgegenbrachte.

Hoffnung expandiert nun in Detroit, denn Mordstatistiken oder düstere Wirtschaftsprognosen schienen in den letzten zwanzig Jahren die einzigen Promoter der Stadt zu sein. Das Festival war daher auch als symbolische Geste für eine gewaltfreies Miteinander zu verstehen, als Beweis für die Salonfähigkeit und das Integrationspotential von Techno. Ebenso erstaunlich wie die Friedfertigkeit war das hohe Interesse der Detroiter an der eigenen elektronischen Musikkultur. Nicht einmal das alljährliche Jazz-Festival konnte mit so vielen Besuchern prahlen, und dort waren es schon über eine Million: „Ich denke, was das Festival uns allen gezeigt hatte, war, dass wir alle irgendwo im selben Boot sitzen und auch gemeinsam feiern können“, erzählt Kelli begeistert, „denn niemand war auf Drogen und es gab keine Schlägereien. Everybody was Love, Peace and Happiness! Das war ein richtig gutes Gefühl.” Sogar die Security fand Zeit, mal ein Würstchen zu essen, wie eine amerikanische Zeitung titelte.

Als Aktivistin der ersten Stunden tut es der Schwester eines Sheriffs sichtlich leid, bei der historischen Premiere nicht aktiv teilgenommen zu haben. Ein Missverständnis, wie Kelli betont. Doch einen Beitrag wollte sie dennoch leisten, alles nur eine Frage des Timings: „Zu Beginn des Festivals hatte ich noch keine Ahnung darüber, dass ich ein Album machen wollte. Aber nach dem zweiten Tag wusste ich, dass es ein guter Zeitpunkt und ein gutes Konzept wäre, die verschiedenen Styles und Stimmungen des Festivals zusammenzubringen.“

Den großen Eindruck, den der Geist des Festivals auf Kelli machte, wird auf ihrem neuesten Album deutlich hörbar. Einen Track widmet sie der Security, den anderen der Underground-Stage, wieder ein anderer handelt von jenen historischen drei Tagen in Detroit und stets bleibt alles groovy verpackt: „Ich bin sicher, jeder hat seine Sicht auf das Festival, aber das hier ist meine Sicht. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich auf dem letzten Festival  hätte spielen müssen“ bedauert Kelli, „ Ich war eine von 1,5 Millionen und das ist nun mein Ergebnis. Außerdem erzähle ich mit dem Album den Leuten, die nicht die Möglichkeit hatten da zu sein, wie es war und vermittle ihnen ein Bild vom Festival. Schließlich setzt es auch meinen Namen auf die Landkarte des Techno.“

 

K. Hands musikalisches Detroit-Projekt weist auf das erstarkte Selbstbewusstsein einer Szene, ja gar einer ganzen Stadt hin. Auf zahlreichen Abbildungen im CD-Booklet gibt sie einen architekturhistorischen Eindruck des Detroits heute und vor 100 Jahren. Kelli Hand fragt  nicht, was Detroit für sie tun kann, sondern, was sie ihrer Stadt geben kann. Ein echtes Stadtkind eben. So fließt ein Teil der Einnahmen für ihr Album an ‚Selmas Home’, eine Art Waisenhaus für hilfebedürftige Kinder in Detroit. In die gleiche Richtung weist auch ihre Webseite hin, in der sie zahlreiche Links anbietet, um mehr über Detroits Geschichte zu erfahren. Ganzheitlichkeit ist hier das Konzept, die Musik dabei ein Mittel: „Dieses Album ist etwas anderes im Vergleich zu den früheren Releases“, erzählt Kelli Hand. „ ‚On a Journey’ (1996) oder ‘The Art of Music’ (1998) waren zwar auch Konzeptalben, aber sehr speziell auf mich bezogen. Mit dem Konzept von ‚Detroit History Pt. 1’ fühle ich mich als Teil von Detroit und seiner Geschichte, weil ich mit einer kleinen Ausnahme mein ganzes Leben in Detroit war und schon über eine Dekade im Business bin. Dieses Projekt soll eine Geschichte über die Stadt, die Musik und die Menschen erzählen.“

 

Detroit wird für die gesamte Umgebung zum Magneten. Ein 1995 gestartetes staatliches Wirtschaftsprogramm soll den Motor in Detroit wieder ankurbeln. Die zunehmende Prosperität der Stadt zieht aber auch Neider und Nutznießer an. Für Kelli ein klarer Akt der Geschichtsfälschung: „Viele Leute sind in den letzten Monaten aus der Umgebung nach Detroit gekommen und behaupten einfach, aus Detroit zu stammen. I don´t think so! Ich bin in Detroit geboren und aufgewachsen und es gibt viele Leute, wie z.B. Alan Oldham aka DJ T-1000, die ihr ganzes Leben in Detroit waren. Er spielt auf seiner Radiostation die Musik vieler Leute und er wurde nicht einmal gefragt, auf dem letztjährigen Festival zu spielen. Wenn so etwas passiert, habe nicht nur ich ein Problem damit, sondern sicher auch andere Leute in Detroit, die schon lange im Business sind. Jeder versucht nun nach Detroit zu kommen: Detroit! Detroit! Detroit! That´s the city! Doch es muss eine Beständigkeit von Beginn an da sein und du musst fähig sein, auf Erfolg zu warten.“

Jeder möchte in diesen Tagen ein Stück vom Kuchen abbekommen. Anlässlich des diesjährigen 300. Geburtstages der Stadt Detroit lässt sich mit Geschichte eben auch ein Business machen. Das weiß nicht zuletzt auch die Automobilindustrie, die das diesjährige Festival sponsert.

Der Stillstand der Fließbänder in den Werkhallen der Autofabriken vor etwa 25 Jahren, war  ein Grund für den wirtschaftlichen Niedergang der Stadt. Die daraus resultierende Arbeitslosigkeit, Ursache für den Anstieg der Kriminalität in Detroit. Aus diesem Umfeld entstand einst jener Techno, bei dem der Synthesizer zur Waffe gegen die sozialen Konflikte wurde. Das Schicksal der Stadt scheint daher untrennbar mit dem der Autoindustrie verbunden zu sein. Für Aufregung in der Szene sorgte jüngst ein Werbespot im amerikanischen Fernsehen, der Juan Atkins legendären Technotrack „No Ufos“ in Beziehung mit dem neuen Ford Focus setzte. Die Werbestrategen wollten damit keine Ausbeutung betreiben, sondern die Kunstform Techno eher unterstützen, hieß es. Schließlich soll Juan Atkins dafür eine sechsstellige Summe erhalten haben. Die Techno-Community in Detroit war gespalten, die ewige Diskussion um Kunst und Geld in Gang gesetzt. Ist die zunehmende Popularität der Musik nun positiv oder negativ? Amerikanischer Pragmatismus setzte sich durch und so fand auch Kelli Hand keinen kein Grund zum Zweifeln: „Warum sollte Ford das Festival nicht sponsern? Detroit ist eine Motor City, wo all die ganzen Autos hergestellt werden. Technomusik hat eine Beziehung zu der Technologie der Autoherstellung. Derrick, Juan und Kevin machen die Musik schon seit über 15 Jahren und es ist an der Zeit, dass sie dafür sechsstellig kassieren“, betont Kelli Hand, „es ist eine gute Sache für die Stadt, die Menschen, für die Produzenten und für die Welt. Es könnte mehr Leute aus Europa nach Detroit bringen, so müssten wir nicht immer herkommen, um zu performen. Wir könnten dann mehr Zeit mit unseren Familien verbringen.“

 

Ein Wind der Veränderung weht durch Detroits Straßen. Welche Richtung die so eigene Symbiose Techno und Urbanität einschlagen wird, ist ungewiss. In Europa z.B. hatte Techno nie jene starke soziale Komponente besessen und war stets in ein anderes Umfeld eingebettet als in Amerika. Das Elektronische Musik-Festival in Detroit wird im Vergleich zur Berliner Love Parade als gesamtstädtisches Projekt betrachtet und auch von der gesamten Stadt mitgetragen. Trotz aller Euphorie spielen in Detroit Rassismus, Gewalt und Arbeitslosigkeit immer noch eine große Rolle, nicht nur in der Musikszene. Im Hinblick auf das Festival ist daher mit dem Vorwurf der Ausbeutung und des Ausverkaufs vorsichtig umzugehen. Europäische Verhältnisse sind auf Detroit nicht übertragbar und umgekehrt. Niemand würde auf dem Festival in Detroit von Carl Craig erwarten, dass er seine Mutter esoterische Rituale vorführen lässt, während er in die Muschel bläst.

Mit dem Gespür einer Geschäftsfrau und ihrer zehnjährigen Business-Erfahrung schlägt K. Hands neuestes Projekt in die richtige Kerbe. Alles hat ein Timing, wie Kelli immer wieder betont und auf der Welle der Hoffnung surft es sich eben leichter. Eine FORDsetzung ihres Projektes ist bereits geplant. Kellis dunkle Augen schauen daher dem diesjährigen Festival entgegen und es macht sie stolz zu erzählen, dass sie diesmal aktiv dabei sein wird. Ihre ganze Familie aus Georgia wird anreisen, mit Ausnahme ihres Bruders, der will nämlich Marshall werden und da hat man für Technofestivals keine Zeit.

 

K. Hands aktuelles Album „Detroit History Pt. 1“ ist bereits auf Tresor erschienen.

(c) 2001 Paul Blau

 


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